Von Johannes Schmitz, 17.09.10, 23:08h, aktualisiert 22.09.10, 09:31h
Aber was muss passieren, damit die Menschen aus dem Umland auch künftig zum Shoppen nach Siegburg kommen? Bürgermeister Franz Huhn (CDU) sieht schon die ersten Alarmzeichen für einen möglichen Niedergang der Einkaufsstadt, zumal Magneten mit junger und mit Herrenmode fehlen, die zusätzliche Käufer anlocken könnten. Die Stadt will deshalb das alte Rathaus verkaufen. Ein Investor soll dann dort ein riesiges Einkaufszentrum errichten. Doch ob dies so kommt, ist völlig offen. Denn an diesem Sonntag können die Siegburger selbst entscheiden, ob sie diese Pläne mittragen. In einem Bürgerentscheid legen sie fest, ob das aus den 60er Jahren stammende Rathaus weichen oder aber erhalten werden soll. Damit das Bürgerbegehren erfolgreich ist, benötigt es neben der Mehrheit der Abstimmenden die Unterstützung von mindestens 20 Prozent aller Stimmberechtigten.
Die CDU, die in Siegburg mit absoluter Mehrheit regiert, hofft, dass ein großes Shoppingcenter vor allem auch junge Käufer ansprechen wird. Denn die fahren derzeit lieber nach Köln, Bonn oder - besonders schlimm für die stolzen Siegburger - ins benachbarte Troisdorf. Dessen Zentrum gilt zwar als unschön, hat aber immerhin H & M, Madonna und andere Läden mit junger Mode, die es in Siegburg nicht gibt. Huhn und die CDU sagen heute, sie hätten viele Jahre lang versucht, die Eigentümer der meist kleinteiligen Siegburger Geschäftshäuser dazu zu bewegen, große Ladenlokale für namhafte Modefilialisten zu schaffen. Doch nichts sei passiert.
Schließlich kam die ECE aus Hamburg ins Spiel - die Buchstaben stehen für die Einkaufs-Center-Entwicklungsgesellschaft. Dahinter verbirgt sich ein Tochterunternehmen des Otto-Konzerns. Madrid, Remscheid, Hamburg, Budapest, Siegen, Hameln, Köln (Hauptbahnhof, Rhein-Center in Weiden) - etwa 150 Einkaufscenter hat die ECE bislang gebaut oder sind in Planung.
Nun also Siegburg. Das gibt aus Sicht der ECE auch Sinn. Denn längst gilt der Markt für Shoppingmalls in großen und mittleren Städten als weitest gehend gesättigt. Glaubt man den Entwicklungsexperten des Unternehmens, dann sind die großen Handelsketten jetzt daran interessiert, in kleine Städte zu expandieren, sofern die ein ordentliches Einzugsgebiet haben. Dass die Einkaufszentren für sich genommen gut funktionieren, bestreiten selbst die ECE-Kritiker kaum. Die entscheidende Frage aber ist: Wie wirken sich diese meist in sich geschlossenen Bauwerke auf die sie umgebende Innenstadt aus? Siegburgs Bürgermeister Franz Huhn und seine CDU setzen darauf, dass ECE so viele neue oder verloren gegangene Kunden gewinnen wird, dass auch die bestehenden Geschäfte gut mit und von dem neuen Ansturm leben könnten.
Mindestens 5000 Siegburger aber folgen dieser Argumentation nicht. Sie haben mit ihrer Unterschrift den Bürgerentscheid erzwungen, der an diesem Sonntag die Weichen für die Einkaufsstadt Siegburgs stellen könnte. Hermann Morgenstern, Mitbegründer der „Bürgerinitiative Siegburg 2010“, erklärt die Ablehnung einer großen Shoppingmall so: „Diese Galerie führt die Kunden und deren Kaufkraft weg von der bisherigen Fußgängerzone. Sie fahren in die Tiefgarage, gehen in die Galerie, finden dort alles, was sie suchen, so dass sie die City nicht mehr zu betreten brauchen. “
Eröffnung im Jahr 2014Nur vordergründig geht es im Bürgerentscheid um die Frage, ob die Stadt das Rathaus behalten oder verkaufen soll. Denn der Käufer wäre die ECE - das wissen alle, auch wenn die CDU sagt, das stehe noch gar nicht fest. Die ECE würde das Rathaus abreißen und so schnell wie möglich das Einkaufscenter bauen. Eröffnung soll im Jahr 2014 sein. Ohne das Rathaus-Areal will die ECE kein Center in Siegburg bauen, betont das Unternehmen.
Die CDU-Mehrheit im Rat würde das Rathaus auch gerne deshalb für die Shoppingmall hergeben, weil es als stark sanierungsbedürftig gilt und die Stadt heillos überschuldet ist. In den vergangenen Jahrzehnten hat die Stadt kaum Geld in den nüchternen Funktionsbau des Architekten Peter Busmann gesteckt. Wovon allerdings ein neues Rathaus gebaut werden soll, ist vielen Siegburgern angesichts des Schuldenberges schleierhaft. Eine Sanierung des Rathauses wäre zudem deutlich günstiger als ein Neubau an anderer Stelle, meinen viele Siegburger.
Doch diese Frage ist für den Bürgermeister nicht entscheidend. Er und viele andere Siegburger fühlen sich bedroht durch die Konkurrenz aus dem benachbarten Sankt Augustin. Dort plant ein Investor ein neues Mega-Einkaufszentrum auf der Grünen Wiese. „Wenn Siegburg sich nicht für eine Einkaufsgalerie entscheidet, steht es am Ende mit leeren Händen da“, sagt Jürgen Becker, Fraktionschef der Siegburger CDU mit Blick auf Sankt Augustin. Im Hauptberuf ist Becker Staatssekretär im Bundesumweltministerium, also gewohnt, an schwierigen politischen Fronten zu kämpfen.
Diese Front verläuft in Siegburg inzwischen quer durch die Stammwählerschaft der CDU. Die Bürgerinitiative, die den Bürgerentscheid angestoßen hat, hat in der konservativen Bevölkerung viele Befürworter. Der Architekt und Stadtforscher Holger Pump-Uhlmann teilt die Bedenken der ECE-Gegner. Über die Pläne sagt er: „Das ist absoluter Wahnsinn“. Bei jetzt vorhandenen 36 000 Quadratmetern Verkaufsfläche des Einzelhandels in der City dürfte das Center nur 5500 Quadratmeter Ladenfläche haben. ECE aber plant 16 000. Das bedeutet eine Erhöhung um 44 Prozent. Für Uhlmann, der unter anderem im Auftrag des Deutschen Institutes für Urbanistik forscht, ist klar: „Damit kann das Center völlig autark sein.“ Die Folge davon ist für die Bürgerinitiative klar: Der eingesessene Einzelhandel erleidet erhebliche Umsatzeinbußen, Leerstände nehmen zu, die City verödet. Pump-Uhlmann arbeitet derzeit gemeinsam mit Kollegen an einem Handbuch für Kommunen, das den Bürgermeistern beim Umgang mit den Entwicklern von Einkaufscentern helfen soll. Es erscheint im kommenden Frühjahr - für Siegburg möglicherweise noch nicht zu spät.
Entscheid: Ein regelrechter Wahlkampf
Abstimmung: Bürger entscheiden über das Rathaus
Köln: Kalker haben Arcaden angenommen
Rathaus-Galerie: Positive Bilanz in Leverkusen
Bergisch Gladbach: Rhein-Berg-Galerie hat sich etabliert
Linktipp: Die Zukunft der Innenstadt
Einheitsbrei
19.09.2010 | 09.05 Uhr | montypython
Schon wieder ein "Einheitsbrei von Geschäften". Wie wär's zur Abwechslung mal mit der Förderung von kleinen Einzelhändlern? Warum müssen "in die…
Viel Spass die zweite
18.09.2010 | 23.11 Uhr | lutua
Mein Vorschreiber hat vollkommen recht!!! Armes Siegburg! Schaut Euch doch die Innenstadt von Leverkusen an! Total tote Hose! Der Saturn ist aus dem…
Viel Spaß mit ECE
18.09.2010 | 13.12 Uhr | ultra-beknackt
Die werden euch aussaugen! In Leverkusen tun sie es wenigstens.
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