Von Jens Höhner, 03.09.10, 16:10h
Seit 1998 widmet sich der Sohn dem Daumenkino. Einmal im Jahr begibt sich Volker Gerling auf eine Wanderschaft quer durch Deutschland und durch das nahe Europa. Der Fotoapparat ist sein ständiger Begleiter. Das Portemonnaie indes ist leer: Gerling lebt von dem, was er bekommt, wenn er sich den Bauchladen anschnallt und Menschen unterwegs in seine Daumenkinos blicken lässt - „Bilder lernen laufen, indem man sie herumträgt“, das ist seine Philosophie. Und die ist zugleich der Titel von Gerlings erstem Programm, bei dem er die kleinen, so wunderschönen Bilderstrecken in schwarz-weiß auf die große Bühne bringt. Das funktioniert.
Niemand schafft es nämlich, Stand zu halten. Posen schmelzen dahin, Gesichtszüge entgleiten, aus Selbstbewusstsein wird Unsicherheit, aus einem kühlem Blick ein unsicherer, aus einer starren Miene prompt ein Lächeln. Denn wer Volker Gerling gegenübertritt, geht ihm auf den Leim. „Darf ich Sie fotografieren?“, lautet seine schlichte, doch hinterlistige Frage, wenn er auf der Straße um Stillhalten bittet.
Gerlings Daumenkinos entstehen auf den Wanderschaften. Seine jüngste Tour hat ihn in Deutschlands Norden geführt. Für das kommende Jahr plant Gerling eine Küstenwanderung, die Ostsee entlang. Sechs Monate ist der Vater von zwei Kindern stets auf den Beinen. In diesem Jahr ist Gerling allerdings nicht aufgebrochen: Mit dem Berliner Maxim-Gorki-Theater inszeniert er zur „Ruhrtriennale“ in Bochum „Die Blechtrommel“. „Im Bühnenbild spielen Projektionen eine wichtige Rolle“, verrät Gerling, der diesmal also als Fachmann in Sachen Film engagiert worden ist. „Darin verändern etwa Gegenstände fließend ihre Gestalt - ein bisschen Daumenkino ist also doch dabei.“ Während sich der Berliner dem Theater widmet, schmiedet er Pläne für das 20-Jährige seiner Wanderschaften. Dann wolle er ein ganzes Jahr wandern. Seine schönsten Daumenkinos indes hat Gerling immer im Gepäck, so auch jetzt. Denn am 2. Oktober gastiert er damit zum Beispiel in Köln.
Dort ist dann etwa die Strecke mit Ariane, dem „Mädchen mit den Sommersprossen“. Sie hat Gerling einst in Zürich getroffen, da ist sie 13. Als er sie sechs Jahre später zufällig erneut auf der Straße trifft, fotografiert er sie wieder. Heute dokumentieren die Bilder Arianes Erwachsenwerden. „Natürlich haben die Eltern zugestimmt“, betont Gerling, der überhaupt viel Wert auf Rechtmäßigkeit legt: Nachdem er im Studio ein Daumenkino zusammengestellt hat, kontaktiert er die Fotografierten, schenkt ihnen sein kleines Kunstwerk und bittet um Erlaubnis, es zeigen zu dürfen. „Fast keiner lehnt das ab.“
Diese Kunst sei eine Suche nach dem wahrhaftigen Foto, verrät Gerling - und man versteht, was er meint, wenn man zum Beispiel die Bilder von Antonia, dem „Mädchen mit langen und mit kurzen Haaren“, vor den Augen vorbeisausen lässt: In Jena hat Gerling die junge Frau getroffen, die sich vor der Kamera des Künstlers die langen Haare abschneidet. Dann hat Gerling den allerersten Blick in den Spiegel für die Ewigkeit eingefangen. Kleine Gesten werden zu großen, verdichtete Situationen wie jene vor dem Spiegel offenbaren mit einem mal große Emotionen.
Da ist aber auch der inzwischen verstorbene Rentner Alfred V. aus Wannsee, der sich von Gerling nicht nur fotografieren ließ, sondern auch seine Lebensgeschichte erzählte. Bewegte Bilder werden da schnell zu bewegenden. „Alfred hatte gerade seine Frau verloren“, erinnert sich Gerling. Dem alten Mann ist die Unsicherheit vor der Kamera anzusehen: Er lüftet seine Kappe, kratzt sich am Kopf - und das mit dem schelmischen Lächeln eines Jungen. Später schenkt er Gerling Lebensmittel für die Wanderschaft - Brot, Schokolade, Leberpastete, Zucker, Kaffeesahne, Schnaps und ein Päckchen Butter. „Das war nicht gut, denn der Sommer war heiß“, sagt Gerling. Alfred V. möchte seine Bilder bezahlen: „Ick hab' jenuch Jeld. Ick hab' in meinem Leben immer allet bezahlt“, hat er dem Daumenkinographen damals gesagt.
Der Protagonist popelt
Solche Geschichten erzählt Volker Gerling heute bei seinen Auftritten in Theatern, während ihm eine Kamera über die Schulter linst und Bilder der Daumenkinos auf eine Leinwand schickt. Und das kann sehr lustig sein: Da sind auch die Aufnahmen von Alex, einem pummeligen Jungen aus Münster. Er will cool sein. Aber plötzlich popelt er in der Nase. Irgendwann, so überlegt Volker Gerling, möchte er ein eigenes Theater haben. „Denn irgendwann werde ich sehr müde sein von den vielen Reisen.“
Bis dahin aber gilt es wachsam zu sein, wenn jemand auf der Straße, in der Kneipe oder im Café fragt: „Entschuldigung, darf ich Sie fotografieren?“
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