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Interview

Das funktioniert nur als Ergänzung

Erstellt 19.03.10, 16:26h, aktualisiert 22.03.10, 10:17h

Monika Walther sieht im ECE-Center mehr Gefahren als Nutzen für die Siegburg. Die Ökonomin hat große Bedenken, was den Einzelhandel in der Stadt anbelangt und widerlegt vom Investor gemachte Versprechen.

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Monika Walther
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Monika Walther
Siegburg - Frau Walther, kann ein großes Einkaufscenter einer gewachsenen Innenstadt gut tun?

WALTHER: Das kann nur funktionieren, wenn das Einkaufscenter zusätzliche Kunden in den Stadtkern zieht, wenn also noch Wachstumspotenzial für die Innenstadt da ist. Voraussetzung hierfür ist, dass der Einzelhandel in der City vor dem Bau des Einkaufscenters einen eher geringen Anteil am gesamtstädtischen Umsatz hat und die Anziehungskraft des zentrenrelevanten Angebots noch zu wünschen übrig lässt.

In welchen Städten gibt es denn positive Beispiele für eine große Einkaufsgalerie in der Innenstadt?

WALTHER: Zum Beispiel in Pforzheim. Da gibt es die Schlössle-Galerie oder in Reutlingen die Müller-Galerie. Auch die Stadtgalerie in Witten oder das Lookentor in Lingen hat dem eingesessenen Einzelhandel nicht geschadet. Diese Einkaufscenter sind aber alle kleiner und haben viel weniger Läden als das in Siegburg geplante. Sie sind eine Ergänzung zur bestehenden City, weil sie die bis dahin fehlenden großflächigen Angebote ermöglichten, etwa einen Müller oder einen H & M.

Das erinnert mich an die Situation in Siegburg, wo neben einem Lebensmittelmarkt auch große Ladenlokale für H & M oder namhafte Herrenausstatter fehlen.

WALTHER: Ich kenne die Situation in Siegburg nicht aus eigener Anschauung. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Peek & Cloppenburg oder Anson's nach Siegburg kommen. Dafür ist die Stadt einfach zu klein.

Aber das Einzugsgebiet ist groß.

Peek & Cloppenburg geht nur in wirklich große und bedeutende Einkaufsstädte ab mindestens 200 000 Einwohnern. Das gleiche gilt für Anson's. Und noch mal zum Lebensmittelmarkt: der mag eine willkommene Ergänzung für die Wohnbevölkerung im Nahbereich sein, aber deswegen wird nicht ein einziger Besucher aus dem Umland mehr oder öfter zum Einkaufen in die Siegburger City kommen. Wenn ich außerdem nachlese, was und wen es in Siegburg schon alles gibt, kann die Stadt eigentlich schon sehr zufrieden sein. Hier finden sich eine ganze Reihe auch namhafter Filialbetriebe, die es in Orten mit 40 000 Einwohnern normalerweise nicht gibt.

Weil so viele Leute aus den umliegenden Orten zum Einkaufen kommen.

WALTHER: Genau. Das Einzelhandelsgutachten nennt bis zu 400 000 Menschen, die schon heute mehr oder weniger regelmäßig die Siegburger Innenstadt besuchen. Daher auch die bereits überdurchschnittlich hohe Zentralität. Trotzdem reicht das nicht, um die ganz großen Textilkaufhäuser zu bekommen. Aber für einen New Yorker oder einen H & M braucht man kein Shoppingcenter. Dafür gibt es ganz bestimmt andere Flächenpotenziale oder Entwicklungsmöglichkeiten im Bestand.

Darauf wartet Siegburg jetzt schon viele Jahre. Deshalb sieht die regierende CDU in ECE den einzigen Rettungsring für die City.

WALTHER: Ich habe schon öfter erlebt, dass Kommunalpolitiker sich darüber ärgern, dass sie ihre Macht gegenüber den Grundeigentümern nicht durchsetzen können. Vielfach hat es auch einen ideologischen Hintergrund für die Regierenden, ein Center bauen zu lassen. Man muss jedoch die Einzelschicksale hinter den Immobilien sehen. Nicht selten stecken gerade in kleineren Städten auch Familien dahinter, die damit ihre Altersvorsorge abdecken und nicht irgendwelche geldgierigen „Heuschrecken“.

Aber die Mieten in Siegburg gelten als sehr hoch. Zu hoch für manche kleinen Einzelhändler mit einem gepflegten Sortiment.

WALTHER: Das häufig zu hörende Argument, Fachgeschäfte hätten aufgeben müssen, weil die Mieten zu hoch seien, stimmt in der Regel nicht, sondern das hat in erster Linie betriebsinterne Gründe. Denn die Mieten können immer nur so hoch sein wie der erzielbare Umsatz. Wenn Politiker durch die Ansiedlung eines Einkaufscenters die Mieten in den Einkaufsstraßen drücken möchten, so drücken sie vor allem die Umsatzchancen in der Fußgängerzone, weil sich die Hauptanziehungspunkte für die Kunden in die Shoppingmall verlagern. Für eine Stadt wie Siegburg besteht die Gefahr, dass die erfolgreichen Filialisten, die zum großen Teil ja schon da sind, in das neue Center umziehen. Die fehlen dann der Fußgängerzone als Magneten.

Wo lassen sich denn die negativen Auswirkungen durch ein Einkaufscenter in zentraler Lage beobachten?

WALTHER: In Bayreuth etwa, das mit 73 000 Einwohnern und einem großen Einzugsgebiet mit Siegburg vergleichbar sein könnte. Dort gibt es seit 1997 das Rotmain-Center. In der Fußgängerzone befinden sich praktisch keine kompetenten Modeanbieter mehr. Die sind alle in das Center umgezogen. Die Einzelhandelsfläche der gewachsenen Innenstadt hat sich deutlich reduziert, teilweise sind jetzt Handyläden, Imbissbuden und Frisöre in den Ladenlokalen.

Haben die Betreiber dieser innerstädtischen Einkaufscenter ein Interesse daran, dass es den Läden außerhalb ihres Baus gut geht?

WALTHER: Nein, nicht zwingend. Zwar sind eine gute Verkehrsanbindung, eine hohe Passantenfrequenz, Arztpraxen und eine einladende Atmosphäre der Umgebung von Vorteil. Aber den umliegenden Einzelhandel braucht das klassische ECE-Center eigentlich nicht. Denn die Kunden kommen auch so in die Shoppingmall - nämlich dorthin, wo sie das umfangreichste Angebot angesagter Marken finden.

Was halten Sie von dem Argument, dass das ECE-Center mehr Leute in die Siegburger Innenstadt bringen wird?

WALTHER: Wo sollen die denn alle noch herkommen? Schon jetzt ist die Zentralität Siegburgs sehr beachtlich. Ich glaube nicht, dass das noch wesentlich steigerungsfähig ist. Nach meinen Erfahrungen und überschlägigen Berechnungen ließe sich der Umsatz in der Innenstadt insgesamt mit dem Einkaufscenter um maximal 40 Millionen Euro steigern. Dafür müsste es aber schon richtig brummen. In einem gut laufenden Shoppingcenter werden etwa 4000 bis 5000 Euro pro Quadratmeter im Jahr erwirtschaftet. Bei 16 000 Quadratmetern wären das rund 70 Millionen Euro. Per saldo würden die eingesessenen Geschäfte somit mindestens 30 Millionen Euro verlieren, also mehr als 20 Prozent ihres heutigen Umsatzes. Das kann nur zu Geschäftsaufgaben gerade von kleineren Einzelhändlern und eben auch zu Verlagerungen vieler Filialbetriebe aus der Fußgängerzone ins Center führen.

Kann es nicht sein, dass sich das Kaufverhalten der Menschen bald wieder ändert und solche riesigen Einkaufscenter wieder aus der Mode kommen?

WALTHER: Danach sieht es im Moment nicht aus. Die meisten Center sind überaus erfolgreich.

Sie haben sich mit den Auswirkungen vieler Einkaufscenter auf die Innenstädte beschäftigt. Welchen Ruf hat der Marktführer ECE?

WALTHER: Das sind absolut professionelle und erfolgreiche Entwickler solcher Einkaufscenter, ich kenne kein ECE-Center, das nicht funktioniert. Die Frage ist nur: Was ist drum herum?

Sie sind also keine Freundin dieser innerstädtischen Shoppingmalls?

WALTHER: Das würde ich so nicht sagen. Aber als Wissenschaftlerin habe ich große Bauchschmerzen, wenn es um die Auswirkungen dieser Shoppingcenter auf die klassischen Geschäftslagen geht, vor allem in kleineren Städten.

Das Gespräch führte

Johannes Schmitz



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