Von Andreas Helfer, 11.11.09, 17:11h, aktualisiert 11.11.09, 17:21h
Einen Tag nach dem 9. November brachte Autor Jürgen Becker seinen Helden Winter aus dem Roman „Aus der Geschichte der Trennungen“ seinem Publikum in der Reihe „Literatur auf Burg Wissem“ näher. Die Moderation übernahm Ralf Rohrmoser-von Glasow, Mitarbeiter des „Rhein-Sieg-Anzeiger“, der bei der Reihe mit der Buchhandlung Kirschner und dem Bilderbuchmuseum kooperiert.
Als „Erinnerungsgewebe“ bezeichnete Becker die kunstvoll geknüpfte Romanstruktur, doch könne er sich nicht gänzlich auf den Wahrheitsgehalt des Erinnerten verlassen. „Authentische Erinnerung gibt es nicht, sie kann durch Erzählungen überlagert sein.“ Keine Autobiografie, sondern einen Roman zu schreiben, in dem Jörn Winter sein Alter Ego ist, mache ihn „freier und unabhängiger“. Gemeinsamkeiten mit der fiktiven Figur sind unübersehbar: Jürgen Becker wurde 1932 in Köln geboren, weilte als Kind oft in Waldbröl, zog 1939 dann mit seinen Eltern nach Erfurt und erst nach dem Krieg zurück nach Köln. „Aus der Geschichte der Trennungen“ war Beckers erster Roman, nachdem er sich schon lange einen Namen als Lyriker gemacht hatte. Das feine Sprachgefühl des Dichters merkt man dem Roman an: Die Sätze haben Dynamik und einen unwiderstehlichen Rhythmus. Sie wirken unverschnörkelt und doch kunstvoll.
Bestechend ist dabei, wie Becker Winters aktuelle Erlebnisse Erinnerungen, Gefühle und noch dazu die eigene Reflexion seines Helden über seine Befindlichkeit wiedergibt. So wehrte sich Winter gegen jedes Triumphgefühl, als mit dem 9. November 1989 das Ende der DDR kam und wunderte sich gleichzeitig über die Erkenntnis, dass Politik etwas zustande bringt, „das Dich regelrecht glücklich macht“.
Leichtes Schreiben
Doch Winter reagierte nicht überschwänglich. „Zwischen Jubelnden“ jubelte er nicht mit, da ihm schon vor vier Jahrzehnten die Freiheit geschenkt wurde. Für Jürgen Becker ballte sich seit 1989 ein „großer, gewaltiger Stoff“ zusammen. Und dennoch sei ihm das Schreiben des 1999 geschriebenen Buches leicht gefallen, da die Geschichte mitgeholfen habe.
Becker findet verschlungene Verbindungspfade zwischen Ost und West. Etwa in der Person des Reichsleiters der NSDAP, Robert Ley, der in Waldbröl ein riesiges Traktorenwerk bauen wollte und auf Rügen die gigantische Touristenanlage Prora. Nie fertiggestellt, sind ihre Ruinen heute eine skurrile Attraktion auf der Ostseeinsel. Einen Besuch der Anlage schildert Jürgen Becker in seinem Journalroman „Schnee in den Ardennen“, aus dem er ebenfalls kurz las, und das in diesem Jahr für die Reihe „Ein Buch für die Stadt“ des „Kölner Stadt-Anzeiger“ ausgewählt worden ist.
Auf Rügen spürte Winter die Zeit wieder auf, als er zum ersten Mal im Leben das Meer sah. Doch empfand er den Besuch auch als zwiespältig, „rissige und verblasste“ Bilder tauchten wieder auf, oft habe die Erinnerung im Leeren gestanden. „Nein, sagte Jörn, da war an verlorener Zeit nichts zurückzuholen.“ Besonders intensiv sind solche Passagen, in denen Becker besonnen und bewegend, aber ohne Pathos beschreibt, wie Trennungen Geschichte schrieben - und Geschichte wurden. Zum Glück.
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