Von EVA BAUMGÄRTNER, 09.05.08, 16:48h
Für Flier begann alles mit einem Zigarettenetui. Ein Geschenk aus Bakelit, das er vor mehr als 20 Jahren bekam. Das Material faszinierte ihn - sein Jagdinstinkt war geweckt. Er wälzte Kataloge und kaufte: Schreibmaschinen, Uhren, Wecker, Lampen, Fotoapparate, Dosen. 1050 Bakelit-Stücke häufte er über die Jahre an. 50 davon bewahrt er zu Hause auf, die Übrigen in einem Lager, ein paar Kilometer entfernt.
MENSCHEN IM GESPRÄCH
Behutsam streicht Flier über eine dunkelbraune ausklappbare Bürolampe. Eine „Jumo“ aus dem Jahr 1949. Die hat er gekauft, als er 1989 eine Ausstellung mit 500 Stücken plante. „Eine Sammlung ohne diese Lampe ist keine Sammlung“, findet Flier. Konkurrenz hatte er all die Jahre nicht zu befürchten. Und wenn ihn doch mal ein Sammler-Kollege auf einer Auktion oder einer Versteigerung im Internet überbot, dann war das nicht schlimm. „Über den dreißigsten Aschenbecher kann ich mich nicht mehr so freuen“, sagt er. Davon hat er heute 40 Stück. Ein Mausklick am Computer, und die Liste aller seiner Schätze erscheint, alphabetisch sortiert. 30 000 Euro ist seine Sammlung wert, finanziert durch seine Arbeit als Buchhalter. Zudem helfen Kredite, die Leidenschaft zu finanzieren.
Aber auch Bilder haben es Flier angetan. 30 Jahre widmete er sich der modernen Malerei, kaufte Holzschnitte von Georg Baselitz, Radierungen von Günter Grass oder Experimentelles von Don Van Vliet, malender Musikerkollege von Frank Zappa. Die Absicht, Sammler zu werden, hatte er nie. Die Einsicht, wohl doch einer zu sein, wuchs mit der Zahl der Bilder. „Man kauft was, dann kauft man noch was, und irgendwann hat man mehr, als man an die Wand hängen könnte“, erzählt Flier nüchtern. Mehr als 100 Werke hat er in seinem Haus untergebracht. Ihn faszinieren vor allem Bilder, die man nicht auf Anhieb versteht. Das ist der Maßstab, den er auch anlegt, wenn er selbst malt. Sein Markenzeichen: die Tusche.
Eins seiner Werke - blaue Linien, in denen er die Umrisse eines Elefanten erkennt - hängt an prominenter Stelle in seinem „Arbeits- und Spielzimmer“, neben Werken von Baselitz und Van Vliet. Da stehen auch seine liebsten Bakelit-Objekte. Seine Liebhaberei macht vor den Bücherregalen ebenso wenig Halt. Mehrere tausend Bücher über Kunst und Literatur hat er dort aufgereiht. Der erste Stock ist sein Reich, sein Künstlerreich. Den Rest des Hauses überlässt er seiner Ehefrau Eva.
Bei aller Liebe für Bücher und Bilder sagt Flier: „Nie habe ich einen Künstler so gesammelt wie ich Bakelit sammle.“ Vor allem seine Urlaube nutzte er, um quer durch Europa Ausstellungen und Auktionen zu bereisen. Selbst eine Hochzeit in Amerika, zu der er angereist war, geriet zur Bakelit-Jagd. In Elmhurst, einem kleinen Städtchen in Illinois, suchte er auf Märkten nach neuen Stücken für seine Sammlung. Vergeblich - bis er am letzten Abend seiner Reise bei einem Spaziergang eine Entdeckung machte: In einem Schaufenster standen fünf Bakelit-Radios. Flier besorgte Geld am nächsten Automaten, klingelte den Besitzer aus dem Bett und nahm zwei Radios mit nach Lohmar.
Mit dem Verstand sei seine Leidenschaft für Bakelit nicht zu erklären. Der abrupte Wandel dagegen schon eher. Vor drei Jahren nämlich beschloss Flier, das Sammeln aufzugeben. Kein Bakelit mehr, keine Bilder, keine Bücher. Er sehnte sich nach Leere, weißen Wänden, wollte freier sein. Und für die Nachwelt seien seine Sammlungen doch nur eine Last. „Man kann von niemandem erwarten, meine Sammlungen zu erben und sich über diese Menge zu freuen.“
Stück für Stück verkauft Flier seitdem Bilder und Bücher. Nur am Bakelit, daran hält er vorerst noch fest, denn der Sammler hat einen letzten Wunsch. Alle seine Stücke, alle 1050, einmal nebeneinander zu sehen. Im Sommer will er eine letzte Ausstellung geben. Wie ein geschriebenes Buch sei seine Sammlung. „Sie muss veröffentlicht werden, dann ist es erledigt.“ Ist das geschehen, wird Peter Flier das Bakelit-Kapitel schließen und sich auch davon lösen.
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