Von STEFANIE JOOSS, 09.03.08, 16:28h
Rösrath - „Wer weiß, was Schwarzbrennen ist?“ fragt Gerhard Heywang sein Publikum. Als ein junger Zuhörer zur Erklärung ansetzt, fordert er energisch: „Na los, kommen Sie nach vorne. Wir erklären das nicht, wir machen das.“
Nicht erklären, sondern machen - sein Motto beherzigte der Chemiker während seines gesamten Vortrags im Rösrather Freiherr-vom-Stein-Gymnasium. So prickelnd wie die Vorlesung war das eigentliche Thema: Es ging um Sekt. Auf die chemischen Formelbilder, die die alkoholische Gärung beschreiben, ging der Naturwissenschaftler nur kurz ein. Stattdessen erklärte der Chemiker mit Entertainer-Qualitäten auch für Laien leicht verständlich: „Zucker und Hefe geben Schnaps und Kohlendioxid.“
Anschließend beeindruckte er seine rund 50 Zuschauer, indem er aus Kohlendioxid minus 78 Grad kaltes Trockeneis herstellte. Mit Hilfe eines Feuerlöschers sprühte er das Kohlendioxid in eine Stofftasche. In großen weißen Klumpen rieselte es wieder heraus. „Wenn CO2 sich entspannt, kühlt es ab“, erklärte der Chemiker. Aus demselben Grund entstehen auch die kleinen Nebelschwaden, die aus einer Sektflasche kurz nach dem Öffnen ziehen: Trifft feuchte Luft auf das freigesetzte kalte Gas, kondensiert sie zu einem Wassernebel.
Wie die Kohlensäure überhaupt in den Sekt kam, erläuterte Heywang zu Beginn seiner Vorlesung. Der edle Tropfen sei im 17. Jahrhundert in der Champagne durch ein Missgeschick entstanden. Ein besonders kalter Winter stoppte dort den Gärungsprozess in den Weinfässern. Denn Hefe hört bei Temperaturen unter zehn Grad auf, zu arbeiten. Nachdem die Winzer den vermeintlich ausgegorenen Wein in Flaschen gefüllt hatten, arbeitete die restliche Hefe weiter. Der Schaumwein war entstanden.
Dass das perlende Getränk als Luxusgut galt, sei vor allem den damals dünnen Flaschen zuzuschreiben, sagte Heywang: Acht von zehn Flaschen platzten bei der Herstellung. Natürlich hatte Heywang auch echten Sekt dabei. Und natürlich durften die Menschen im Publikum probieren, eine Zuhörerin sogar mehrfach: Aus zwei Gläsern Sekt ließ der Chemiker sie kosten. Einem Glas hatte er zusätzlich einen Löffel Zucker zugefügt. Süßer schmeckte das Getränk trotzdem nicht, so das erstaunliche Ergebnis. Heywangs Erklärung: Die Kohlensäure blockiert die Wahrnehmung von Süßem auf der Zunge. Damit kohlensäurehaltige Limonaden auch wirklich süß schmecken, müssten sie also besonders viel Zucker enthalten. Die Testperson bekam zur Belohnung übrigens ein Schokoladen-Ei - wie alle Besucher, die freiwillig mit experimentierten oder Wissenswertes zum Thema beizutragen hatten. Nebenbei bekamen die Zuhörer Antworten auf Fragen, die sie sich beim Sekttrinken wahrscheinlich noch nie gestellt haben, mit denen sich aber prima angeben lässt: Beim nächsten perlenden Gläschen unter Freunden können sie ins Gespräch einfließen lassen, dass sich allein in einem Glas Schaumwein rund zehn Millionen Blasen bilden. Sind diese erst einmal zur Oberfläche der Flüssigkeit aufgestiegen, schießen sie mit 50 Kilometern pro Stunde nach oben in die Luft. Mit dieser Geschwindigkeit gelangen sie problemlos bis in die Nase des Trinkenden.
Regelmäßig genießen können die Schüler in Rösrath den ungewöhnlichen und spannenden Chemieunterricht von Gerhard Heywang allerdings nicht. Der Vortrag war nur ein Gastspiel des Naturwissenschaftlers und ehemaligen Bayer-Mitarbeiters. Heywang ist längst im Ruhestand und gibt noch vereinzelt Experimentalvorträge bei Tagungen der Chemieverbände oder Fortbildungen für Lehrer. Das macht er offensichtlich so gut, dass für eine Zuhörerin in Rösrath nach der Veranstaltung nur eine Frage offen blieb: „Warum können nicht alle Chemielehrer so unterrichten wie Gerhard Heywang?“
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