Von JULIA HOHENADEL, 12.07.07, 16:17h, aktualisiert 16.07.07, 18:03h
Lohmar - Sie kommen nachts. Durch Toilettenrohre dringen sie in Wohnungen ein, plündern die Vorräte, und knabbern sogar schlafende Menschen an. Ihr schmutziger Pelz ist verseucht mit Typhus, Pest und Cholera, ihre Vorliebe gilt fauligem Unrat. Horrorgeschichten über Ratten sind wie die kleinen Nager selbst: Unausrottbar.
Wenig begeistert reagierte zunächst auch Volker Schmitz, Systemtechniker aus Donrath, als er das erste Mal einer Ratte gegenübersaß: nämlich am Esstisch bei Freunden. Der 35-jährige Schmitz rückblickend: „Ich fand das erstmal abstoßend. Ich hatte im Grunde genau dieselben Vorurteile wie jeder.“
Doch die flinken Vierbeiner mit dem weichen Fell und den Knopfaugen beschnuppern den Gast zutraulich, turnen geschickt auf dem Tisch herum - und um Volker Schmitz ist es geschehen. Er ist infiziert. Er will mehr wissen, verschlingt fortan jedes Buch, das er über Ratten finden kann. Und er beginnt zu begreifen, dass sie zu den meist verkannten Tieren überhaupt gehören.
Mit Staunen liest der Donrather, dass die kleinen Nager bis zu zwei Millionstel eines Giftstoffes im Futter wahrnehmen - vor dem ersten Bissen. Er erfährt, dass sie kilometerweit schwimmen können, im Ultraschallbereich hören und Erdbeben schon Ta ge im Voraus spüren. Irgendwann hat sich der Donrather so viel Wissen angeeignet, dass er selbst Anfänger aufklären möchte. Die Internetseite über seine Hausgenossen nennt Volker Schmitz „ www.rattenparadies.com“ Und sie wächst rasant.
Bald gibt es weltweit nur noch eine Seite über Ratten, die häufiger gesucht und gefunden wird als die von Volker Schmitz - obwohl er aus beruflichen Gründen nur selten Zeit für Aktualisierungen hat. Das Ziel des Betreibers: Anfängertipps geben zum richtigen Umgang, zur Haltung und Pflege und eben - Vorurteile abbauen.
Nachdem die Seite online ist, wird das Fernsehen auf den „Rattenmann“ aufmerksam. Schmitz wird als Experte zur Haustiershow eines Privatsenders eingeladen: Eine seiner Ratten soll live den Weg durch ein Labyrinth finden, im Wettlauf mit einem Menschen. Schmitz lehnt ab. „Völliger Blödsinn“, sagt der Tierfreund im Nachhinein über das „Experiment“: „Keine Ratte der Welt läuft schnurstracks durch einen Irrgarten. Sie wird immer ein Stück weit laufen und dann zum Ausgangspunkt zurückkehren, um den fremden Weg abzusichern. Auf diese Weise kann es Tage dauern, bis sie am Ende ankommt.“ Volker Schmitz berät die Redaktion am Ende lediglich hinter den Kulissen - den Weg ins Leipziger Fernsehstudio und die Aufregung der Dreharbeiten erspart er sich und seinem Nagerkumpel „Bounty“.
Die Spielgefährten von damals sind mittlerweile längst im Rattenhimmel - die Nager werden selten älter als etwa drei Jahre. Heute teilt schon wieder eine neue Generation der Tierchen die Wohnstatt mit dem blonden IT-Techniker.
Ratten-Anfängern empfiehlt der Experte als erste Adresse übrigens immer das Tierheim. Beim Troisdorfer Tierschutz etwa sitzen oft Dutzende der kleinen Fellknäuel und warten geduldig auf neue Besitzer. Warten darauf, ängstliche Besucher mit einem großen Blick aus dunklen Knopfaugen für sich zu gewinnen. Volker Schmitz weiß: Es funktioniert.
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